Mehrwertsteuer: Der zentrale Entlastungshebel
Das erste, was viele meiner Mandanten aus der Fertigungsindustrie anspricht, ist die massive Belastung durch die Mehrwertsteuer (VAT). Bei Maschinen im Wert von mehreren hundert Millionen Euro summieren sich die Vorsteuerbeträge schnell zu einem beträchtlichen Block an gebundenem Kapital. Genau hier setzt eine der wirkungsvollsten Politiken an: die „VAT-Refund Policy für fortschrittliche IC-Hersteller“. Unternehmen, die in der Liste der entscheidenden nationalen IC-Projekte geführt werden oder bestimmte technologische Schwellenwerte (z.B. Prozessknoten unter 28nm) erreichen, können für ihre in China gekauften Produktionsmittel eine sofortige VAT-Rückerstattung beantragen, anstatt die Vorsteuer über Monate hinweg zu verrechnen. Das ist kein Kleckerbetrag. Ich erinnere mich an einen deutschen Anlagenbauer für einen führenden SMIC-Produktionsstandort in Shanghai. Durch eine geschickte Projektstrukturierung und enge Abstimmung mit den Behörden konnten wir für ihn erreichen, dass ein erheblicher Teil der VAT-Last für gelieferte Reinraumausrüstung innerhalb von 60 Tagen zurückfloss. Das verbesserte seine Cashflow-Situation dramatisch und machte das Projekt für beide Seiten attraktiver.
Für Chip-Design-Unternehmen (Fabless) gilt ein anderer, aber ebenso wichtiger Mechanismus: der VAT-Vergünstigungssatz. Für den Verkauf von selbstentwickelten IP-Cores oder Chips kann ein ermäßigter VAT-Satz von 3% (im Vergleich zum Standardsatz von 13%) zur Anwendung kommen, sofern das Unternehmen bestimmte Zertifizierungen (wie die „Software Enterprise“-Zertifizierung) vorweisen kann. Diese Differenz von 10 Prozentpunkten geht direkt in die Marge. In der Praxis ist die Beantragung jedoch nicht immer trivial. Die Definition von „selbstentwickelter Software/IP“ wird von den lokalen Steuerbehörden genau geprüft. Hier ist eine lückenlose Dokumentation des Entwicklungsprozesses – von der Architekturspezifikation bis zum Testprotokoll – unerlässlich. Ein häufiger Stolperstein, den ich sehe, ist, dass Unternehmen ihre Kernkompetenz in der Hardware sehen und die steuerliche Anerkennung der dazugehörigen Software vernachlässigen. Eine integrierte Betrachtung ist hier der Schlüssel.
Unternehmenssteuer: Von Befreiungen bis zu Sondersätzen
Die Einkommensteuer für Unternehmen (Corporate Income Tax, CIT) ist der zweite große Baustein. Das grundlegende Instrument ist die „Zwei Drei Fünf“-Befreiungs- und Ermäßigungspolitik für als „High & New Technology Enterprise“ (HNTE) zertifizierte IC-Unternehmen. Nach einer anfänglichen Steuerbefreiung für die ersten drei profitablen Jahre folgt eine Halbierung des Steuersatzes (also 12.5%) für die nächsten fünf Jahre. Da der Standard-CIT-Satz bei 25% liegt, ist dies eine massive Ersparnis über einen Zeitraum von acht Jahren. Die HNTE-Zertifizierung selbst ist jedoch ein anspruchsvoller Prozess, der hohe Ausgaben für Forschung & Entwicklung (FuE) sowie eine bestimmte Anzahl an eigenen Patenten voraussetzt. Meine Einsicht nach vielen Begleitungen: Es reicht nicht, einfach nur viel Geld in die FuE zu stecken. Die Behörden prüfen zunehmend die Systematik und Nachvollziehbarkeit des FuE-Projektmanagements. Ein gut geführtes FuE-Projektregister ist oft entscheidender als nur die Höhe der Ausgaben.
Für besonders fortschrittliche Hersteller, etwa im Bereich von 28nm oder darunter, gibt es noch weitergehende Anreize. Diese Unternehmen können oft über die ersten acht Jahre hinaus einen permanenten ermäßigten CIT-Satz von 15% genießen. Für ausländische Investoren ist zudem die Gewinnabführungssteuer (Withholding Tax) bei Ausschüttungen von Gewinnen ins Ausland relevant. Unter bestimmten Bedingungen und durch Doppelbesteuerungsabkommen kann diese auf 5% oder sogar 0% reduziert werden. Hier muss die Holding-Struktur des Investments von Anfang an mitbedacht werden – eine nachträgliche Korrektur ist oft teuer und komplex.
Zollbefreiungen für kritische Ausrüstung
Die IC-Fertigung ist abhängig von hochspezialisierten und extrem teuren Importgeräten – von Lithographie-Maschinen über Epitaxie-Anlagen bis hin zu Reinraum-Modulen. Die Einfuhrzölle und Import-VAT auf diese Güter können leicht zweistellige Millionenbeträge erreichen. Das „Katalog-System“ des Staates sieht hier umfassende Zoll- und Import-VAT-Befreiungen für inländisch nicht herstellbare Ausrüstungen vor, die für nationale Schlüsselprojekte genutzt werden. Der Teufel steckt, wie so oft, im Detail: Der Antrag muss minutiös belegen, warum eine vergleichbare Anlage nicht in China produziert werden kann. Das erfordert enge Abstimmung mit den Lieferanten und oft auch Gutachten von Industrieverbänden.
Ein praktisches Beispiel aus meiner Arbeit: Ein europäischer Investor plante die Erweiterung einer Test- und Verpackungslinie („Assembly, Test and Packaging“ oder ATP). Während die Hauptproduktionslinie problemlos von Zöllen befreit wurde, gab es Diskussionen über die unterstützende Messtechnik und Laborausrüstung. Die Behörde argumentierte zunächst, dass vergleichbare Geräte in China verfügbar seien. Erst durch eine detaillierte Gegenüberstellung der technischen Spezifikationen (Genauigkeit, Durchsatz, Integrationsgrad) konnten wir die Befreiung auch für diese Posten durchsetzen. Die Lektion: Der Antrag muss technisch präzise und auf die konkrete betriebliche Notwendigkeit zugeschnitten sein. Pauschale Anträge haben heute kaum noch Erfolgschancen.
Personalbedingte Anreize: Die Talente binden
Der Krieg um Talente in der IC-Branche ist global. Shanghai bietet hier steuerliche Anreize auf individueller Ebene, um Spitzenkräfte – ob chinesische Rückkehrer oder expatriierte Experten – anzulocken und zu halten. Die bekannteste Maßnahme ist die pauschale Besteuerung für ausländische Talente („Subsidized Individual Income Tax“)
Der Krieg um Talente in der IC-Branche ist global. Shanghai bietet hier steuerliche Anreize auf individueller Ebene, um Spitzenkräfte – ob chinesische Rückkehrer oder expatriierte Experte – anzulocken und zu halten. Die bekannteste Maßnahme ist die pauschale Besteuerung für ausländische Talente („Subsidized Individual Income Tax“). Dabei wird das Bruttoeinkommen eines qualifizierten ausländischen Fachkräften nicht mehr mit dem progressiven Satz (bis zu 45%) besteuert, sondern mit einem pauschalen Satz von oft nur 15%. Die Differenz wird vom Staat bzw. der lokalen Regierung erstattet. Die Qualifikationskriterien sind streng (bestimmte Gehaltshöhe, spezifische Position, Jahre an Erfahrung), aber für leitende Ingenieure und Forscher in IC-Projekten durchaus erreichbar. Für das Unternehmen bedeutet dies eine enorme Erleichterung bei der Personalakquise. Sie können international wettbewerbsfähige Netto-Gehaltsangebote machen, ohne die brutto seitige Lohnsumme ins Unermessliche zu treiben. In einem Fall für ein Joint-Venture im Zhangjiang Hi-Tech Park konnten wir für ein fünfköpfiges Kernteam aus Europa diese Regelung durchsetzen. Das war letztlich der entscheidende Faktor, um diese Experten für einen mehrjährigen Aufenthalt in Shanghai zu gewinnen. Ohne diesen Anreiz wären die persönlichen finanziellen Nachteile für die Mitarbeiter einfach zu groß gewesen. Man muss aber ehrlich sagen: Das Antragsverfahren ist bürokratisch und erfordert Geduld. Eine enge Begleitung durch erfahrene Berater, die mit den Personalabteilungen der lokalen Behörden vertraut sind, ist hier fast unerlässlich. Neben den direkten Steuervergünstigungen spielen indirekte Förderungen eine immer größere Rolle. Das Kernstück ist die zusätzliche Steuerabzugsmöglichkeit für FuE-Ausgaben („Super Deduction“). Während normale Betriebsausgaben zu 100% abzugsfähig sind, können qualifizierte FuE-Ausgaben je nach Art des Unternehmens und der Region um 75%, 100% oder sogar höher zusätzlich abgezogen werden. Konkret: Gibt ein Unternehmen 1 Mio. RMB für qualifizierte FuE aus, kann es bei einem Zusatzabzug von 100% insgesamt 2 Mio. RMB als Aufwand von seinem steuerpflichtigen Gewinn abziehen. Das ist ein direkter finanzieller Anreiz, mehr in Forschung zu investieren. Die Herausforderung liegt in der Definition und Dokumentation der „qualifizierten“ Ausgaben. Nicht nur Gehälter von Forschern, sondern auch Materialkosten, Kosten für Auftragsforschung und sogar Teile der Gemeinkosten können einbezogen werden – wenn sie sauber einem konkreten FuE-Projekt zugeordnet sind. Hier sehe ich oft, dass mittelständische ausländische Investoren ihr bewährtes internes Projektcontrolling haben, dieses aber nicht in der Form dokumentieren, die die chinesischen Steuerbehörden für die Prüfung erwarten. Eine frühzeitige Anpassung der Buchhaltungsrichtlinien und Projektberichte kann hier später viel Ärger und verschenktes Potenzial vermeiden. Es lohnt sich, in ein gutes FuE-Projektmanagementsystem zu investieren – die Rendite in Form von Steuerersparnis ist oft direkt messbar. Über die nationalen Politiken hinaus hat Shanghai als Stadt weitere Hebel in der Hand. Die einzelnen Bezirke, insbesondere Pudong (mit dem Zhangjiang Hi-Tech Park), Lin-gang Special Area und Qingpu, buhlen mit zusätzlichen lokalen Anreizen um IC-Investitionen. Diese können einmalige Umzugs- oder Einrichtungszuschüsse, Subventionen für Mieten in bestimmten Parks, oder sogar direkte Cash-Rewards für das Erreichen von Meilensteinen (z.B. erstes Tape-Out, Massenproduktionsstart) umfassen. Diese Politiken sind oft flexibler und schneller verhandelbar als die nationalen Steuergesetze. Ein persönlicher Rat aus meiner Erfahrung: Verhandeln Sie diese lokalen Anreize vor der endgültigen Standortwahl und Registrierung. Sobald die Gesellschaft registriert und investiert hat, sinkt Ihre Verhandlungsposition deutlich. Ich habe erfolgreich für einen Chip-Design-Kunden in Lin-gang nicht nur die maximale lokale Gewinnsteuer-Rückerstattung (ein Teil der lokal verbleibenden 40% der CIT wird zurückerstattet) ausgehandelt, sondern auch einen Zuschuss für die Anmietung von Hochleistungs-Rechenserver-Zeit in einem lokalen Cloud-Rechenzentrum. Solche maßgeschneiderten Lösungen zeigen, wie weit die Förderung gehen kann, wenn man die eigenen Projektbedürfnisse klar kommuniziert und einen vertrauensvollen Dialog mit den lokalen Investitionsförderungsbehörden führt. Scheuen Sie sich nicht, konkrete Fragen zu stellen und Ihre Pläne offenzulegen – das wird als Zeichen ernsthaften Engagements gewertet. All diese Vorteile klingen verlockend, aber ihre Realisierung ist kein Selbstläufer. Die größte Herausforderung ist die Komplexität und Dynamik der Regelwerke. Politiken werden aktualisiert, Kataloge angepasst, und die Auslegung kann zwischen verschiedenen Büros der Staatssteuerbehörde (STA) variieren. Ein Antrag, der in einem Bezirk problemlos durchgeht, kann im Nachbarbezirk auf Skepsis stoßen. Hinzu kommt die Notwendigkeit der kontinuierlichen Compliance: Eine HNTE-Zertifizierung muss alle drei Jahre erneuert werden, und die Behörden führen stichprobenartige Nachprüfungen durch. Meine zentrale Empfehlung an Investoren lautet daher: Integrieren Sie das Steuer- und Förder-Management von Tag eins in Ihre Geschäftsstrategie. Es sollte nicht die Aufgabe eines isolierten Buchhalters sein, sondern ein gemeinsames Anliegen von Geschäftsführung, FuE-Leitung, Einkauf und Finanzabteilung. Regelmäßige interne Audits, um die Förderfähigkeit von Ausgaben und Projekten sicherzustellen, sind ebenso wichtig wie ein gut gepflegter Kontakt zu den zuständigen Beamten. Bauen Sie eine langfristige, transparente Beziehung auf – das zahlt sich in kritischen Momenten, wie einer steuerlichen Überprüfung oder der Beantragung einer neuen Förderung, vielfach aus. Denken Sie an die Steuervorteile nicht als Geschenk, sondern als Ergebnis aktiven und professionellen Managements.FuE-Steuerzuschüsse und Superabschreibungen
Lokale Wettbewerbsvorteile in Shanghai
Herausforderungen und strategische Umsetzung